Warum sich Deutschland wirklich abschaffen könnte

Deutschland schafft sich ab – Das Buch von Thilo Sarrazin hat eine Welle der Empörung, aber auch – mindestens so groß wie diese – eine der Zustimmung ausgelöst. Es polarisiert. Es teilt das Land in das Lager derjenigen, die sich darüber echauffieren, dass die Invektiven des Autors dem Selbstbild der Republik als einer aufgeklärten Nation mündiger Bürger widersprechen, und in das Lager derjenigen, die sich darüber ärgern, dass dieses Selbstbild nichts mit der deutschen Realität zu tun hat, um deren Darstellung es Sarrazin doch letztlich zu tun ist.

Welcher dieser beiden Standpunkte ist der richtige? Es ist müßig, darüber zu diskutieren; das hat manche Runde im Fernsehen bereits deutlich vor Augen geführt. Dadurch werden allenfalls immer wieder neue Bauchschmerzen verursacht. Lieber sollte man sich den Kopf darüber zerbrechen, wie es kommt, dass das demokratische Selbstverständnis der Deutschen so stark von den sozialen Gegebenheiten in diesem Land abweicht.

Natürlich wäre es für die repräsentative Demokratie der Republik das Beste, wenn in Berlin-Kreuzberg nur Bürger wohnten, die Mut haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Leider ist dies nicht der Fall. Leider ist es in Deutschland ein Tabu zu sagen, dass es nicht der Fall ist. Genau dies macht sich der baldige Ex-Vorstand der Bundesbank zunutze. Er stellt sich hin, bricht ein Tabu und erklärt mit wichtiger Miene: „Man wird in diesem Land doch wohl noch die Wahrheit sagen dürfen!“ Übrigens haben sich auch Jürgen Rüttgers, Roland Koch und Guido Westerwelle bereits als Wahrheitsverkünder, als „Stimme einer schweigenden Mehrheit“ (Koch) hervorgetan. Sie haben also die mangelnde Glaubwürdigkeit der Institutionen, die sie doch repräsentieren, instrumentalisiert, um eigene Interessen durchzusetzen. Unglaublich, aber: wahr.

Das offizielle Selbstbild der Republik wird von ihrer politischen Elite vertreten. Wäre es nicht gar so idealistisch und auf eine geradezu unerträgliche Weise p. c., hätten es Populisten wie Sarrazin schwer, sich Gehör zu verschaffen. Derzeit bringen große Teile der Bevölkerung dem Skandalautor jedoch mehr Vertrauen entgegen als den Parlamentariern, von denen sie ihre Ängste nicht verstanden und ernst genommen fühlen. Wie denn auch, wenn selbst Cem Özdemir, von dem man in der aktuellen Debatte nun wirklich klare Worte erwarten dürfte, bei Maybrit Illner, freilich nicht ohne rhetorische Brillanz, von den „Citoyens“ in diesem Lande spricht, die von Sarrazin diffamiert würden? Wenn man bloß wüsste, wen er damit meint.


Nun muss die Politik dringend etwas für ihr Image tun, indem sie sich des Unbehagens in der deutschen Kultur beherzter annimmt als bisher. Sie muss authentischer werden. Sonst besteht die Gefahr, dass Populisten ihr irgendwann den Rang ablaufen, Theorien wie die vom „jüdischen Gen“ salonfähig werden und Deutschland sich wirklich abschafft.



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  • Justus

    Ein Aspekt bei dem ich widersprechen wuerde:
    “[...] instrumentalisiert, um eigene Interessen durchzusetzen.” Es ist schon ein Phaenomen, dass jedem Nicht-Linken sofort unterstellt wird, dass es ihm bei der oeffentlichen Artikulation seines Standpunktes in verkappter Weise nur um die eigenen Interesses ginge und nicht um eine Form des hoeheren Wohles. Bei solchen Leuten ist man fuer gewoehlich schnell dabei durch ewiges Wiederholen von aus dem Zusammenhang gerissenen Satzfetzen und durch hochemotionalisierten Details aus dem Privatleben vom eigentlich Gesagten abzulenken. Bei allen Linken freilich steht die noble Sache im Vordergrund! Stasivergangenheit? Als IM gearbeitet? Mit Steinen nach Polizisten geworfen? Aber doch nur aus Idealismus!
    Was momentan mit Sarrazin passiert nennen die Kommunisten: “Stockschlaege auf den Magen”. Die Kryptokommunisten von heute haben freilich “verfeinertes” Vokabluar dafuer. Nichts desdo weniger: „Man wird in diesem Land doch wohl noch die Wahrheit sagen dürfen!“ ist tatsaechlich die aktuelle Grenzlinie in den Diskursen! Solange man durch die blosse Benennung der Realitaet schon zum Populisten wird, solange bleiben Meinungsfreiheit und Pluralismus nur sinnentleerte Kampfparolen irgendwelcher findiger Ideologen. Im aktuellen Fall kann man ja auch mal ganz unakademisch an die Sache herangehen: Sarrazin Buch lesen!

  • micmac

    Verstand, ja, schön wäre das! Wenn man ihn hätte und sich seines bedienen würde! Alles nicht so einfach. Da gibt es Eltern, wegen denen Kinder auf Spielplätzen sich dauerhaft fragen müssen, aus welchem Land man komme, auch wenn man zusammen mit den Anderen, auch aus anderen Ländern übrigens, nur Kind ist.
    Und da gibt es ja noch die vielen anderen Grüppchen, zu denen man gehören muss, um sich definieren zu dürfen in dieser Welt: da gibt es Religionen, links und rechts…

    A propos rechts und links: Als Anne es zu dem Thema Mister S wissen wollte, da kam auch gleich von rechts das, was man erwartet :”Strrrrafffeeee” schrie es, das Herz machte einen Hüpfer nach rechts und ich habe gedanklich in das Bild hineingezoomt und den Schnurrrrrbarrrrt gesucht…
    Klischee hin, Klischee her: alle Steinewerfer werden Bestrrrrafffft, wie es sich gehört: man zeigt ihnen, wo es lang geht; und zwar in der Neuverhandlung ihrer Renten, man muss ja Exempel statuieren…machen wir es: wir kaufen ihre Bücher nicht!
    Ich glaube, der Welt würde es besser gehen, wenn wir dieses linksrechtschristmuslimdingsda-Gedöns weglassen. Ein bisschen mehr Biologie für alle! ein bisschen weniger Fleisch vielleicht, ok, ein bisschen weniger Vertriebener, Zuwanderer, Lederhosen, wasguckstdu, auf jeden Fall! Dass es Wichtigeres gibt auf der Welt: schaut euch Jane’s Journey an! Es gibt uns einen Eindruck davon, was Leiden bedeutet und welche Themen es wert sind, dafür zu kämpfen und dafür kostbare Lebenszeit zu verwenden. Und es macht uns klar, warum wir alle Affen sind, son nebenbei. In diesem Sinne: schießt die Extremisten auf den Mond, egal, zu welchem Verein sie sich zählen, welchen Knüppel sie verwenden und ob ihre Herzen nach links oder rechts pumpen, ob von den Eltern oder sonstwem antrainiert!