Nachdem die Welt den Krieg gegen den Terror, den Krieg gegen die Drogen, den Krieg gegen die Armut usw. zwar ausgerufen, jedoch nie “gewonnen” hat, wird ein neuer großer Krieg ausgerufen.
Diesmal ist es General Elop (Motto:”I am not a trojan”) , seines Zeichens CEO bei Microsoft Nokia, der seine durch ihn selbst dezimierten Truppen in den großen Krieg der Netzwerke und Ökosysteme ziehen lässt.
Es scheint, als hätten die Hersteller das ökonomische Konzept der Netzeffekte für sich entdeckt. Je größer das Netz, umso mehr Nutzen für die Verbraucher … umso mehr Gewinne für den “Netzbesitzer”. Dabei existieren direkte und indirekte Netzeffekte. Bei den direkten Netzeffekten wirkt die direkte (physische) Größe des Netzwerkes direkt auf Nutzen des einzelnen. Wenn es nur ein Telefon auf der Welt gibt, ist der Nutzen gleich Null, da niemand angerufen werden kann. Der Nutzen steigt mit der Größe des Netzwerkes.
Indirekte Netzeffekte liegen dann vor, wenn sie nicht unmittelbar auf die Beziehung der Netzteilnehmer einwirken, also beispielsweise Lerneffekte oder komplementäre Produkte (z. B. Software) für ein Netzwerk vorhanden sind. Bei einem großen Netz gewinnen Kunden zwar an Nutzen, doch werden sie über das Vendor Lock-In auch eingeschlossen. Sie können nicht ohne Wechselkosten oder Nutzenverluste aus dem Netzwerk aussteigen. Für die Volkswirtschaft ist das natürlich wohlfahrtsschädigend.
Genau diese Effekte möchten die großen Mobilfunkanbieter nutzen, um Kunden an sich zu binden. Das ist verständlich, doch zeigt es auch, dass die Anbieter nicht aus der Geschichte gelernt haben, nicht einmal aus ihrer eigenen.
Die großen Netzkriege in der Geschichte waren z. B. VHS vs. Betamax oder Bluray vs. HD DVD. In der Gegenwart gibt es natürlich auch Kriege bei sozialen Netzwerken wie Facebook, Studivz etc. Dabei hat Studivz schon vor einiger Zeit verloren. In der Frühzeit des Internet gab es AOL, Compuserve, T-Online und noch viele andere. Dann erlebte das echte Internet den kommerziellen Durchbruch, und alle kleinen Netze waren von heute auf morgen obsolet. Die ehemaligen Netzbetreiber waren plötzlich nur noch ISPs. Sogar der Netzkrieg BluRay vs. HD DVD war im Prinzip belanglos, da physische Medien an Bedeutung verlieren und der physische Player in Zeiten von Streaming sowieso nur verstaubt.
In der mobilen Welt erlebt man gerade das Gleiche. Jeder möchte sein Ökosystem/Netzwerk haben. Apple mit iOS, Google mit Android und jetzt eben Nokia mit Windows Phone 7.
Jeder möchte die Nutzer auf die gleiche Weise an sein Netz binden. Über “Apps”. Apps sind im Prinzip kleine nutzlose Applikationen die einen Haufen Geld kosten. Warum nutzlos? Weil sie meistens nur existierende Webangebote kapseln, um sie auf kleinen Displays benutzbar zu machen. Natürlich gibt es auch richtig gute Anwendungen wie z. B. Spiele, Navigationsanwendungen oder Sportapps + Pulsmessgeräte oder einen anständigen Voip Client. Der Große Rest besteht aber oft aus gekapselten Webangeboten. Warum brauche ich ein App um auf CNN oder Facebook zuzugreifen? Wie wäre es stattdessen mit einem richtigen Browser? Oder einer angepassten Mobile GUI seitens der Webseite?
Ja, sogar die richtigen Applikationen werden obsolet. Google selbst bietet alle Services, für die man früher ein Programm brauchte, im Netz an. Von Email über Navigation bis hin zur Officesuite.
Unter der Prämisse, dass die verfügbaren Bandbreiten und die Leistungsfähigkeit der Geräte steigen, werden viele heutige Apps zwangsläufig durch das “echte offene Internet” ersetzt. Was bleibt, sind “echte” Applikationen, die auf dem Gerät (technisch gesehen) installiert sein müssen, um Funktionalität bereitzustellen. Wie z. B. ein richtiger (open-)VPN Client oder die Möglichkeit, adhoc wlan mesh Netze aufzubauen, oder ähnliches. Das Smartphone der Zukunft ist mehr ein mobiler Computer als ein Telefon.
Wem steht nun also am meisten diese echten Programme zur Verfügung? Im Prinzip keinem der aktuellen Player. Warum? Weil alle auf ihre Apps fixiert sind.
Meego hat dafür die besten Aussichten. Meego ist im Prinzip eine offene Linuxdistribution. Im Prinzip könnten alle Programme, die für Linux (bzw. der entsprechenden CPU Architektur) verfügbar sind, sofort auf dem Smartphone laufen. Möglicherweise ist eine neue oder andere GUI erforderlich. Dies dürfte jedoch kein großes Problem darstellen, da GUI und Programmlogik sehr oft getrennt voneinander sind.
Also bietet ein offenes System im Prinzip die größtmöglichen Netzeffekte. Es räumt sozusagen den Markt, da nun, wie im Fall AOL oder Compuserve, durch das allgemeine offene Netz die geschlossenen kleinen Netze mit ihren Apps und einschränkenden Cloudservices obsolet werden. Auch stellt sich die Frage, warum Entwickler überhaupt ein “App” schreiben sollen. Es erscheint ökonomisch sinnvoller, sofort ein allgemeines mobile Webapplikation zu entwickeln, statt auf relativ kleine Sonderlösungen für jedes einzelne Netz zu setzen.
Sollten die Nutzer das erkennen, kann sich daraus ein negativer Bandwagoneffekt ergeben. Je mehr Nutzer das große offene Netz nutzen möchten, umso schneller beschleunigt sich der Niedergang der kleinen Netze. Die Ökosysteme verkommen zum reinen Programmstarter für den Browser. Genau dieses Konzept hat Google groß gemacht, jedoch scheinen sie sich nicht daran erinnern zu können.
Insofern kann es nur einen Sieger im Netzkrieg im Mobilbereich geben: das Internet.

