
Die Party geht gleich los, schnell möchte man noch ein paar Songs herunterladen. Bevor man dies tut, sollte man lieber gleich die alten Bravo-Hits hervorholen. Denn schnell, nein, schnell geht das nicht. Zumindest war das früher so, als Bravo-Hits noch eine Chance hatten. Vor kurzem aber haben Martin Jakobus und Ingo Schock, Studenten der Medieninformatik an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart, eine neue Software entwickelt und damit einen wahren Hit gelandet. Mit SEMSIX ist es kein Problem mehr, Songs und Musikclips im Internet zu finden. Ein Klick genügt, um das Popuniversum zu ordnen, ein weiterer, um ein ganzes Album auf die Playlist zu ziehen. Adversation.de hat die beiden Erfinder in ihrer WG besucht und sich mit ihnen über SEMSIX unterhalten.
ADVERSATION: Wie seid ihr eigentlich darauf gekommen, eine Musikmaschine zu entwerfen?
JAKOBUS: Also die Grundidee war meine. Wir haben viele Kumpels, die gern Musik hören und auch weiterempfehlen. Meistens lief das früher so ab, dass einem der Name von einer Band geschickt wurde, von der man dann, vielleicht noch unter Anleitung von Wikipedia, Videos auf You Tube gesucht hat. Das hat immer ewig gedauert. Für das Suchen hat man letztlich mehr Zeit gebraucht als für das Hören der Musik. Irgendwann habe ich mich gefragt, ob das nicht auch einfacher ginge. Die Lieder und Musikvideos waren ja schon im Internet. Sie mussten nur noch verbunden werden. Da bin ich zu Ingo gegangen und hab ihn gefragt: Wie sieht’s aus, sollen wir da nicht was machen?
SCHOCK: Am Anfang ging es nur um die Frage, ob das überhaupt möglich war. Du kennst dich doch aus in solchen Dingen, Ingo. Geht das? Ich so: Klar, kein Problem. Machen wir. Zufällig fing die Woche drauf das Semester an. Da beschlossen wir, ein Softwareprojekt draus zu machen und gingen mit der Idee zum Prof. Der meinte nur: Hört sich gut an. Macht mal. Wir machten also, und bald wurde es das offizielle HdM-Projekt.
ADVERSATION: Hat es im Arbeitsprozess irgend etwas Unvorhergesehenes, eine Überraschung oder ein Problem gegeben?
SCHOCK: Huh! Also bei der Entwicklung von Software kommt man immer an einen Punkt, wo man sich sagt, ja, so müsste es gehen, und dann gibt es doch irgendwelche Restriktionen, von irgendwelchen Servern, auf die man keinen Zugriff hat, von irgendwelchen Applikationen usw. Technische Probleme gab es schon, aber die ließen sich alle lösen.
JAKOBUS: Ich würde sagen, die größte Überraschung war es, zu sehen, was man im Internet alles finden kann. Gerade auf YouTube gibt es unglaublich viele Lieder. Überrascht hat uns auch, wie gut das Ding im Ganzen funktioniert.
ADVERSATION: Benutzt ihr dieses „Ding“ selber?
BEIDE: Na klar!
ADVERSATION: Was war der erste Videoclip, den ihr auf SEMSIX geschaut habt?
JAKOBUS: (Lacht) “Fuel” von Metallica.
SCHOCK: “Fuel”, genau. Warum auch immer.
JAKOBUS: Von Metallica gibt es sehr viel, weshalb sich ihre Lieder für die Tests eigneten. Sonst höre ich sie nicht so oft.
ADVERSATION: Bei SEMSIX ist das Emblem von YouTube abgebildet. Weiß YouTube auch von eurem Projekt?
JAKOBUS: Ja, wir hatten mit denen sogar schon Kontakt wegen ein paar technischen Problemen. YouTube gehört ja zu Google, das eine recht offene Internetstrategie verfolgt. Bei allen Services von Google gibt es sogenannte APIs, also Schnittstellen, die es offen legt und auf die man zugreifen kann.
SCHOCK: Dabei muss immer klar sein, wo was herkommt. Wenn man zum Beispiel ein You-Tube-Video abspielt, muss jeder sehen können, dass es aus YouTube stammt.
ADVERSATION: Warum sollte man dennoch SEMSIX statt YouTube benutzen?
SCHOCK: Weil es viel übersichtlicher ist.
JAKOBUS: Und einfacher. Es reicht, den Namen eines Künstlers einzugeben, um sofort alle seine Alben aufgelistet zu bekommen. Man hat alles auf einen Blick. Mit einem Klick kann man ein komplettes Album in die Playlist ziehen und es sich anhören. Bei YouTube hingegen müsste man hergehen und erst das eine Lied suchen, dann das nächste, dann das übernächste. So ginge viel mehr Zeit drauf.
ADVERSATION: Wen seht ihr als eure Konkurrenz?
JAKOBUS: Oh, mittlerweile gibt’s da einige. Anfangs waren wir wirklich die einzigen, die Musikvideos mit Musikdatenbanken verknüpft haben. Jetzt gibt es aber noch TubeRadio, Tube Fly, You Tube Disco.
ADVERSATION: Vielleicht haben TubeRadio, Tube Fly und You Tube Disco Agenten ausgesandt, die euer Projekt in Verruf bringen sollen…
JAKOBUS: Aha…?
ADVERSATION: Jedenfalls kann man hören, dass es sich bei SEMSIX nicht um einen Crawl-Index, sondern um eine Webapplikation handelt. Es wird also infrage gestellt, dass eure Musiksuchmaschine eine Musiksuchmaschine ist. Was sagt ihr zu diesem schweren Vorwurf?
JAKOBUS: (Lacht) Ich merk schon, du hast dich gut informiert. Ja, das stimmt. Wir haben keinen eigenen Crawler und keinen Index. Aber…
SCHOCK: Aber von einer Musiksuchmaschine haben wir selber auch nie gesprochen. Wir nannten das Projekt immer Online Musicplayer. Das mit der Suchmaschine haben erst die Medien transportiert.
JAKOBUS: Dazu muss man sagen, dass sich viele Leute nur so erst etwas unter SEMSIX vorstellen konnten. Aber es stimmt, eine Suchmaschine im klassischen Sinn ist es nicht. Die eigentliche Leistung von SEMSIX ist die Videoerkennung und Zuordnung, die übersichtliche Darstellung.
ADVERSATION: Habt ihr vor, euch mit SEMSIX selbständig zu machen?
JAKOBUS: Wir haben es uns mal überlegt und sahen uns der Wahl gegenübergestellt: Selbständigkeit oder Studium. Beides nebeneinander wäre doch ziemlich schwer geworden. Also haben wir uns fürs Studium entschieden.
ADVERSATION: Sicher steht hinter SEMSIX auch ein Business-Konzept. Worauf habt ihr bei seiner Ausarbeitung besonders wert gelegt?
JAKOBUS: Für uns war es schon wichtig, dass der Musikdienst kostenlos ist und auch ohne Anmeldung funktioniert. Viele Business-Modelle fielen deshalb automatisch weg. Beim aktuellen Konzept handelt es sich hauptsächlich um Marketing. Auf SEMSIX kann man ja Lieder kaufen. Läuft über Amazon, springt auch ‘ne Kleinigkeit bei raus. Weitere Business-Modelle haben wir bisher aber keine.